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InterNICHE Co-ordinator
Nick Jukes
42 South Knighton Road
Leicester LE2 3LP
England
Tel/Fax +44 116 2109652
coordinator@interniche.org
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Der größere Nutzen einer humanen Ausbildung |
Einführung
Die meisten Dozenten, die tierverbrauchsfreie Lehrmethoden entwickeln und in den Lehrplan eingebauen, tun dies vorrangig wegen deren pädagogischen Vorteilen, die im voranstehenden Kapitel und in Teil B - Fallstudien beschrieben sind. Aber auch die positiven ethischen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen solcher fortschrittlichen Lehrmethoden spielen bei dieser Entscheidung eine Rolle. Im Folgenden wird der vielfältige Nutzen einer Lehrplan-Umgestaltung zugunsten einer humanen Ausbildung in den Biowissenschaften ausführlich dargelegt. Wenn man sich die positiven Auswirkungen einerseits und die durch Tiermissbrauch entstehenden Probleme anderseits bewusst macht, wird der Nutzen der tierverbrauchsfreien Lehrmethoden eindeutig ersichtlich. Dies kann unmittelbar in den Prozess der Lehrplangestaltung einfließen. Die Qualität der Lehrplangestaltung und damit der Lernerfahrung, die den Studenten geboten wird, ist nicht nur danach zu beurteilen, wie effizient der Lehrinhalt vermittelt wird, sondern auch danach, welche Auswirkungen diese auch über den Seminarraum hinaus hat.
Philosophie der Biowissenschaft
Lebensbejahung
Das lebensbejahende Engagement des Arztes für das Heilen, und das Gebot Primum non nocere oder Vor allem schädige nicht, bilden die philosophische Grundlage der Humanmedizin. Ein schädigender Gebrauch von Tieren verletzt daher das grundlegende Prinzip der Medizin: Denn das weitverbreitete Schädigen und Töten von Tieren für Sezierungen und Tierversuche sowohl im human- als auch veterinärmedizinischen Studium lehrt die Studenten, dass eine Nichtachtung des Lebens und die Verletzung des Rechts eines Lebewesens auf Unversehrtheit akzeptable Praktiken sind. Zwar muss ein Arzt manchmal einen schädigenden Eingriff vornehmen, um zu heilen; jedoch ist es nicht das Gleiche, wenn zukünftige Ärzte ausgebildet werden, indem Tieren Schaden zugefügt wird.
Auch im Bereich der biowissenschaftlichen Praxisübungen sind solche Praktiken einem intuitiven Lernen hinderlich, insofern als das ‚Studium des Lebens' hier vielfach eher zu einem Studium der Nekrologie, nicht der Biologie, geworden ist. Die Fokussierung auf Kadaver extra getöteter Tiere und die Praktizierung von invasivem Tiergebrauch lehrt, dass dem Leben nicht mit Sensibilität und Respekt begegnet werden muss, sondern dass man Lebewesen für Experimente benutzen, sie töten oder mit dem Skalpell kurzerhand aufschlitzen darf.
Einem Tier wird bereits Schaden zugefügt, wenn sein Wohlbefinden in irgendeiner Weise beeinträchtigt wird. Das Fangen, Transportieren und Einsperren eines Tieres schadet ihm, weil es das Tier daran hindert, seine natürlichen Bedürfnisse auszuleben und Teil einer sozialen Struktur und seines Ökosystems zu sein. Darauf folgende Laborversuche an dem Tier verursachen ihm schließlich Schmerzen, Angst und Stress; und auch das Töten des Tieres schadet ihm, weil dem Tier das Leben ganz versagt wird.
Eine Wieder-Verbindung von Leben und Heilen, wie sie durch den Einsatz tierverbrauchsfreier Lehrmethoden (z.B. studentische Selbstversuche, Arbeit an Tierpatienten, interaktive Software zur Nachbildung von Lebensprozessen...) realisiert wird, wird der biowissenschaftlichen Lehre gut tun, den menschlichen und tierischen Patienten zugute kommen, und dem Leben selbst dienen.
Kritisches Denken
Kritisches Denken bedeutet einen Prozess ernsthafter Hinterfragung und tatkräftiger Problemlösung. Kritische Denker haben einen gesunden Skeptizismus, mit dem sie Informationen kritisch auswerten, Vorurteile und Gewohnheiten hinterfragen, sich intellektuellen und praktischen Herausforderungen konstruktiv stellen, Erörterungen erarbeiten und auswerten, und vorhandenes Wissen umsetzen. Diese Fähigkeiten sind auch die Voraussetzung für wirklich wissenschaftliches Denken: Die wissenschaftliche Methode ist selbst ein Ausdruck kritischen Denkvermögens.
Die Fähigkeit kritischen Denkens muss praktisch geübt werden, auch unter Anleitung von Dozenten; sie kann nicht abstrakt gelehrt werden. Sobald die wissenschaftliche Methode in der biowissenschaftlichen Lehre effektiv vermittelt wird, wird kritisches Denkvermögen bereits angewendet. Fragen wie ‚Warum ist das so?' und ‚Woher wissen wir das?' sind Beispiele dafür. Dabei geht es um tiefergehendes Denken und das Aufdecken fragwürdiger Annahmen. Es sollte sich ein immer stärkeres Bewusstein der eigenen Denkweise und des eigenen intellektuellen Potenzials entwickeln; außerdem wird dadurch das Selbstvertrauen gestärkt. Zu lernen, wie man denkt, ist etwas völlig anderes, als zu lernen, was man denken soll. Zur Überwindung einer intellektuellen Bequemlichkeit kann anfangs eine gewisse Motivation notwendig sein, sodass die Studenten aktiv selbst denken lernen. Dies ist aber ein lohnender Prozess, und die dadurch gewonnenen Fähigkeiten ermöglichen das lebenslange Weiterlernen und haben weitreichende soziale Auswirkungen. Kritisches Denken hört nicht außerhalb der Universität oder nach Abschluss des Studiums wieder auf.
Für konventionelle Tierversuche ist nur wenig kritisches Denkvermögen nötig - meist folgen die Studenten nur den Anweisungen, um ein bereits vorgegebenes Resultat zu erhalten. Echte, mit der wissenschaftlichen Methode durchgeführte Versuche sind den Studenten aus mangelndem Engagement für das wissenschaftliche Vorgehen oder aus ethischen, praktischen, finanziellen und zeitlichen Beschränkungen der Tierversuchslabors oft nicht zugänglich oder nicht erwünscht. Tierverbrauchsfreie Methoden hingegen, wie virtuelle Laborarbeit, ermöglichen es den Studenten, Problemfälle zu erforschen und zu lösen und die Anwendung ihres Wissens zu üben, und all das ohne diese Beschränkungen. Hier kann frei experimentiert werden, wobei zugleich der jeweilige Lehrinhalt vermittelt und die wissenschaftliche Methode an sich erlernt wird. Außerdem können, da die Studenten ihr Praktikum durch selbständige oder Gruppenarbeit weitgehend selbst steuern, die Versuche solange beliebig wiederholt und Probleme gezielt diskutiert werden, bis jeder Student ein zufriedenstellendes Maß an Verständnis und Fertigkeiten sicher erworben hat.
Zusätzlich lernen die Studenten durch Simulationen klinischer Szenarien, z.B. mit der Anästhesiemanagement-Software oder den hochwertigen Phantomen für Intensivpflege-Übungen, schnell zu denken und angemessen zu handeln, bevor sie sich echten Notsituationen mit menschlichen oder Tierpatienten stellen müssen. Solche Simulationen sind realistischer als Tierversuche mit Anleitung und vorbestimmten Resultaten, da hier an richtigen Fällen und der ganzen Bandbreite wahrscheinlicher Szenarien gearbeitet wird. Alternativ dazu bietet auch die klinische Arbeit selbst Echt-Situationen, in denen kritisches Denkvermögen und Problemlösungsfähigkeiten entwickelt werden können. Weitere tierverbrauchsfreie Methoden, wie z.B. Praktika in Forschungsprojekten (siehe Scroop, in diesem Buch), ermöglichen es den Studenten, im Rahmen von auf Forschungsmethoden basierenden Projekten die wissenschaftliche Methode anzuwenden und ihr Denkvermögen weiterzuentwickeln.
Emotionale und ethische Bildung
Kulturelle Werte und Handlungsprinzipien wie Sensibilität, Respekt, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und Liebe spielen für den Zusammenhalt der Gesellschaft eine ganz wesentliche Rolle. Solche Werte tragen dazu bei, das menschliche Verhalten und unser Zusammenleben über rohe Gemeinheit, Egoismus, soziale Abgrenzungen, Vorurteile und Ausbeutung hinaus zu erheben. Diese negativen Verhaltensweisen des Menschen sind Ausdruck von psychischem Ungleichgewicht und kulturellem Verfall, und haben negative oder schädigende Auswirkungen, sowohl auf die Mitmenschen als auch auf die Tiere, mit denen wir unsere soziale und natürliche Umwelt teilen.
Biowissenschaftliche Praktika, in denen Lebewesen ernsthaft Schaden zugefügt wird (Töten oder Tierversuche), sind, wenn sie nicht für das Wohlergehen eines bestimmten Tieres notwendig sind, nichts anderes als Gewalttaten; wohingegen Heileingriffe oder das Einschläfern eines leidenden und sterbenskranken Tieres selbstlos dem Wohlergehen des Tierpatienten dienen. Angesichts des Ausmaßes, in dem heute Tiere gequält und getötet werden, kann die Praktik des schädigenden Tiergebrauchs geradezu als Zeichen des menschlichen Barbarentums gesehen werden, das eine kulturelle Höherentwicklung behindert.
Sensibilität
In einem biowissenschaftlichen Studium, in dem schädigender Tiergebrauch die Norm ist, stirbt jede Sensibilität gegenüber anderen Lebewesen. Anstatt diese positive Qualität wertzuschätzen und zu fördern, neigen viele Dozenten zur Bagatellisierung und Geringschätzung, sodass jedes Mitgefühl für die benutzten Tiere bewusst oder unbewusst abgetötet wird. Tierversuche und das Töten und Sezieren von Tieren desensibilisieren die Studenten, indem das simple Grundrecht des Tieres auf Leben und Unversehrtheit und auch die eigenen moralischen Wertvorstellungen der Studenten verletzt werden. So werden Haltungen wie Respekt, Mitgefühl und Mitleid abgestumpft.
Sensibilität ist wichtig für das Zusammenleben, da sie es möglich macht, dass andere Menschen und Tiere sich uns mitteilen können und wir darauf antworten können. Sie ist notwendig, um andere zu verstehen und die eigenen Grenzen zu sehen, um in der Lage zu sein, die Rechte und Unversehrtheit der Anderen zu respektieren. Sie ist außerdem notwendig, um die Interaktion zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Tier positiv zu erforschen und fragwürdige Abgrenzungen auf ethische Weise zu hinterfragen.
Die Sensibilität der Studenten (und auch der Dozenten) stumpft in dem Maße ab, wie schädigender Tiergebrauch ein gewohnter Anblick und übliche Praktik werden. Meist geht dies so weit, dass der Verlust von Sensibilität und Mitgefühlt nicht einmal mehr bewusst ist und diese Geisteshaltung als normal empfunden wird. Der Verlust der Sensibilität gegenüber anderen Lebewesen stellt jedoch eine emotionale Verkrüppelung dar, die sowohl die individuellen Beziehungen zu Mitmenschen und Tieren als auch die eigene tiefenpsychologische Gesundheit beeinträchtigt.
Die Verweigerung von tierschädigenden Handlungen wird oft als ‚Zimperlichkeit' abgetan. Mit dieser Abwertung wird ausgedrückt, dass die Studenten unfähig sind, mit der harten Realität der Biowissenschaft umzugehen - dem Gebrauch des Skalpells, dem Anblick von Blut usw. Sie sind ‚zu sensibel', ‚unsachlich', ‚weibisch', ‚nicht erwachsen genug'. Jedoch gründet sich eine Verweigerung aus Gewissensgründen auf Universitätsniveau meist darauf, dass das Töten und Verletzen gesunder Tiere als nicht ethisch abgelehnt wird, und bessere Lernerfahrungen gefordert werden, als ein schädigender Tiergebrauch bieten kann. Darunter sind viele Veterinärmedizinstudenten, die sich ja gerade dafür entschieden haben, in ihrem Beruf leidenden Tieren zu helfen, d.h. auch Wunden zu schließen und wenn nötig Heileingriffe vorzunehmen. Solche Studenten sind auch bereit, sich mit ethischen Fragen ‚die Hände schmutzig zu machen', anstatt die Augen zu verschließen und diese Auseinandersetzung anderen zu überlassen.
Schüler und Studenten sind in einem Alter, in dem sie sich am intensivsten mit Fragen der Moral auseinandersetzen und eigene Konzepte von Freiheit, Abgrenzung und persönlicher Verantwortung ausbilden. Dabei können neuartige und kritische Erlebnisse dazu führen, dass sich Studenten sofort distanzieren oder Abscheu empfinden, obwohl Ihnen die gesamte Problematik noch nicht klar ist. Daher ist ein gewisses Maß an ‚Zimperlichkeit' Ausdruck einer persönlichen moralischen und emotionalen Entwicklung und sollte als wertvoller Denkanstoß und als Teil einer persönlichen Identitätsentwicklung geachtet werden. Manche Studenten erleiden jedoch eine bleibende seelische Erschütterung, weil ihre emotionale und ethische Integrität verletzt wird, wenn sie einen Fall von Tiermissbrauch miterleben müssen. Oft wird durch psychologische Zurückgezogenheit, vollständige Dissoziation oder Vermeidungsstrategien versucht, dieses Trauma zu überwinden. Indem schädigender Tiergebrauch ständig und systematisch praktiziert wird, das Vorhandensein eines ethischen Problems oft geleugnet wird, und keine positive Verarbeitung des Traumas ermöglicht wird, können Schuldgefühle und schlimme Erinnerungen viele Jahre lang immer wiederkehren.
Die Desensibilisierung wird oft als notwendiges Übel gerechtfertigt, das den Studenten helfen soll, sowohl im Studium als auch später im Beruf mit emotional schwierigen Situationen umgehen zu lernen. Wie können Studenten der Veterinärmedizin lernen, den ersten chirurgischen Schnitt an einem Tier auszuführen, ein todkrankes Tier einzuschläfern oder auch nur sachlich und nüchtern zu handeln, wenn sie nicht gelernt haben, ihre Gefühle auszuschalten und das Leiden auszuhalten?
Die Antwort ist, dass die Studenten durch die Bewahrung ihrer Sensibilität, durch die Erforschung der eigenen emotionalen Reaktionen auf reale und hypothetische Situationen und durch die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen die notwendige psychologische Fähigkeit und Stärke entwickeln können, um die meisten kritischen Situationen einwandfrei zu meistern. Sensibel zu bleiben hilft, sich möglicher Szenarien oder Lösungen für Notsituationen immer bewusst zu sein; fehlende Sensibilität hingegen beschränkt die Fähigkeit, angemessen zu handeln und sich schnell richtig zu entscheiden - zum Beispiel um Schmerzen zu lindern. Diese emotionale Bildung oder emotionale Intelligenz macht das Leugnen von Problemen überflüssig und ermöglicht es Studenten und Ärzten stattdessen, die mit ihrer Arbeit verbundenen komplexen Gefühle positiv zu verarbeiten. Ein Arzt, der den Kampf um einen Patienten verloren hat, wird persönlich darunter leiden, wenn er die Sache nicht aktiv verarbeiten kann, und eine Bagatellisierung seiner Gefühle kann langfristig seine Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Ein Notarzt oder Sanitäter muss schnell denken und handeln, d.h. er muss den Grad der Schmerzen richtig einschätzen können, um den Verletzten angemessen zu versorgen. Unsensibilität und Gleichgültigkeit sind hier weder förderlich noch wünschenswert, und daher nicht akzeptabel.
Die absichtliche Desensibilisierung, die Verleugnung von Gefühlen und das rücksichtslose Walten ‚roher Vernunft' mögen in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten populär gewesen sein, hat jedoch nicht funktioniert. Grundsätzlich ist diese Abgrenzung zwischen Gefühl und Vernunft ein gesellschaftliches Konstrukt; nicht das Gefühl behindert Objektivität, sondern der Mangel an kritischem Denkvermögen und an Bewusstsein für die Gesamtsituation. Die Verleugnung von Gefühlen und die Verunglimpfung emotionaler Qualitäten und Fähigkeiten können zu einem verzerrten Selbst-Bewusstsein führen, das sich wiederum negativ auf die Fähigkeit objektiven Denkens auswirkt (ganz abgesehen davon, dass auch hinter jeder vermeintlich objektiven Aussage immer eine Person steht). Je mehr man mit fühlenden Lebewesen - Tieren oder Menschen - zu tun hat, umso wichtiger sind Sensibilität und Sensibilisierung. Herz und Verstand sollten für alle medizinischen Berufe, wenn nicht überhaupt bei jeder Arbeit, gut entwickelt sein.
In unvermeidlichen Situationen, wie Katastrophen, in denen es unerträglich wäre, sich des Leidens der Opfer wirklich in vollem Maße bewusst zu sein, kann es dennoch hilfreich sein, ein gewisses Maß an emotionalem Abstand zu bewahren, um von seinen Gefühlen nicht überwältigt zu werden. Für die Opfer kann dies lebensnotwendig sein, auch wenn es zugleich die Sensibilität für Gefahren und dringenden Handlungsbedarf beeinträchtigt. Bei diesen Beispielen handelt es sich jedoch um selbstauferlegte und kurzfristige Lösungen, für die anschließend trotzdem emotionaler Beistand und psychische Unterstützung notwendig sind, um das Erlebte verarbeiten zu können. Phobien oder Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Tieren oder Aktivitäten sind ebenfalls atypische Beispiele, in denen eine Desensibilisierung hilfreich sein kann. Die Desensibilisierung durch schädigenden Gebrauch von Tieren ist hingegen etwas völlig anderes: Sie ist ein aufgezwungener Prozess und sollte ganz sicher nicht notwendig sein, um das biowissenschaftliche Studium emotional überstehen zu können.
Einfühlungsvermögen und Mitgefühl
Sensibilität an sich ist noch kein Garant für einen positiven Umgang mit Mitmenschen und Tieren oder für eine bessere Wissenschaft; sie kann sogar dazu missbraucht werden, das Leiden Anderer zu erhöhen. Aus Sensibilität und Respekt gegenüber anderen Lebewesen entsteht jedoch Einfühlungsvermögen - das Bewusstsein für und die Identifizierung mit den Gefühlen und dem Erleben des Anderen. Die Voraussetzung für Einfühlungsvermögen ist, dass man sich seiner eigenen Gefühle bewusst ist. Da die rationale Wissenschaft, die moderne ‚Vernunft' und die Männerwelt Gefühle und ihre Wichtigkeit aber absichtlich negiert haben, kann sich ein solches Bewusstsein oft erst durch die Wiederentdeckung der eigenen Emotionalität entwickeln.
Sensibilität und Einfühlungsvermögen gegenüber Studenten heißt, dass eine Nötigung oder die Herabwürdigung ihres Erlebens und ihrer Werte ethisch unvertretbar sind. Genauso heißt Sensibilität gegenüber und Mitgefühl mit Tieren, dass ihre Integrität und ihre Leidensfähigkeit nicht länger ignoriert und verleugnet werden dürfen, um sie wie Gegenstände zu gebrauchen, ihnen Schaden zuzufügen oder sie zu töten. Wenn wir das verstehen - dass wir alle leidensfähige Lebewesen sind - können wir Mitleid empfinden. Wenn wir also fähig sind, Leid zu vermeiden und stattdessen auf das Wohl des Anderen zu achten, dann sollten wir das tun. Die Motivation zum Guten kommt aus unserem Gewissen, das sich aus emotionaler Intelligenz, Selbst-Bewusstsein und dem Wissen um die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen entwickelt hat.
Die Verleugnung eines ethischen Problems oder die Nicht-Anerkennung der eigenen Rolle bei der Verursachung von Leiden sind ein Zeichen für Gewissenlosigkeit. Deren Ursache kann mangelnde Sensibilität und Einfühlungsvermögen und der über Jahre hinweg aufgebaute Schutzwall zur Abwehr von Gefühlen sein, die wir selbst in uns begraben oder verloren haben. Eine rationale Verteidigung von Tierquälerei mit Hilfe von Lehrmeinungen oder oberflächlichen sentimentalen Argumenten ist eine typische Vermeidungsstrategie.
Die Geschichte lehrt uns, dass mangelndes Mitgefühl in Extremsituationen katastrophale Folgen haben kann. So wurden im zweiten Weltkrieg ganze Bevölkerungsgruppen entmenschlicht: Der Wert Ihres Lebens wurde Ihnen aberkannt; in Deutschland wurden sie als ‚Ratten', in Japan als ‚Holzklötze' und anderenorts schlicht als ‚der Feind' behandelt. Respekt und menschliches Zusammengehörigkeitsgefühl wurden verworfen, und Gewalt übernahm die Macht. Auch in der medizinischen Ausbildung schlug sich die rassistische und faschistische Ideologie nieder, indem anerkannte Wissenschaftler Menschenversuche, Menschenquälerei und -tötungen durchführten. Ein weiteres Beispiel aus jüngerer Vergangenheit ist der als Serienkiller entlarvte Arzt Harold Shipman aus Großbritannien, der rund 300 seiner Patienten getötet hatte: Er wurde dadurch charakterisiert, dass er "emotionale Distanz" und "Unfähigkeit zu Mitgefühl" an den Tag legte, und kein Bewusstsein für den Eigenwert jedes Menschen als Lebewesen hatte. Er "genoss seine Macht über Andere" und schien kein Gewissen oder Mitleid zu haben1,2. Als Arzt eine ‚emotionale Distanz' zu bewahren, wird jedoch noch immer von Vielen für erstrebenswert gehalten. So ist es auch allgemein üblich, Tiere als gefühllose Gegenstände zu behandeln, als leicht verfügbare Werkzeuge ohne Eigenwert als Lebewesen. Sicherlich versuchen viele Menschen, ihre Einstellung gegenüber dem Leben und ihre ethischen Grundsätze je nach Lebensbereich aufzuteilen. Doch Ethik lässt sich nicht an- und abschalten: Fehlende Achtung vor dem Leben und Gefühllosigkeit im Labor hören nach Feierabend nicht plötzlich auf. Der schädigende Gebrauch von Lebewesen im biowissenschaftlichen Studium trägt zu einer Umgebung bei, in der sich Missachtung des Lebens und Gefühllosigkeit, wie in obigem Beispiel, in extremerem Maße entwickeln können. Auch das Phänomen, dass Ärzte oft zwar die Krankheit, aber nicht die Person sehen, sowie dass noch immer viele Millionen Tiere trotz der vorhandenen tierverbrauchsfreien Methoden für Forschung und Unschädlichkeitsprüfung leiden müssen, wird dadurch nur gefördert. Warum also durch tierschädigende Praktiken im Studium noch zu diesem Problem beitragen, wo doch die Universität der Ort sein sollte, an dem die Achtung vor dem Leben nicht nur vermittelt werden kann, sondern unbedingt vermittelt werden soll?
Schönheit, Würde und Liebe
In starkem Kontrast zum bisher Beschriebenen stehen Konzepte wie Schönheit, Würde und Liebe. Für manche Wissenschaftler liegt der Reiz der Forschung in der Genialität und Schönheit der wissenschaftlichen Methode und eines gut durchdachten und gelungenen Experiments. Ein sorgfältig ausgearbeitetes Praxisseminar, in dem alle Elemente synergistisch zu einem eindrucksvollen Ganzen zusammenwirken, ist auch eine Art Kunst, wie die besten Lehrmethoden. Manche Dozenten begeistern die Studenten mit ihrer Faszination und Ehrfurcht vor der Komplexität und Schönheit der Natur, der Tiere und des menschlichen Körpers, und zeigen große Leidenschaft für die Lehre, für das Lernen und für das Leben an sich.
Ethische Bildung
Ethische Bildung ist die Fähigkeit, die Grundsätze moralisch orientierten Denkens zu verstehen, die allgemein gültigen Moralvorstellungen kritisch zu hinterfragen und dies im eigenen Privat- und Berufsleben anzuwenden. Das erfordert sowohl kognitive als auch emotionale Fähigkeiten. Logisches Nachdenken kann die Verbindung zwischen bestimmten Handlungen und Tatsachen verdeutlichen und dem Nachdenkenden die Folgen einer bestimmten Handlung bewusst machen. Sensibilität, Respekt und Mitleid hingegen machen dem Menschen die natürliche Bindung zwischen allen Menschen und zwischen den Geschöpfen, einschließlich ihrer ‚Verwandtschaft' bewusst, und lehren ihn, die Folgen seines Handelns für andere zu erkennen und die eigenen Grenzen zu sehen. Diese Qualitäten sind außerdem ein Zeichen für ein gewisses Maß an emotionaler Bildung, das für ein echtes Selbst-Bewusstsein notwendig ist, ohne das man sich der Verantwortung für das eigene Handeln nicht wirklich bewusst sein kann - ein Bestandteil ethischer Bildung.
Ethische Bildung trägt also zur persönlichen Entwicklung bei: Zum Reifen und Weiterentwickeln der Studierenden hinsichtlich ihrer Werte und ihrer charakterlichen Integrität, hinsichtlich ihrer aktiven Mitwirkung in lokalen oder internationalen Gemeinschaften sowie hinsichtlich ihrer Kompetenz und ihres ethischen Engagements im Beruf. Zu dieser Persönlichkeitsentwicklung gehört auch, die Auswirkungen der eigenen und der allgemeinen ethischen Normen auf die Gesellschaft zu durchschauen, und die Rolle der ethischen Bildung für ein fortschrittliches gesellschaftliches Umdenken zu erkennen.
Das Erkennen ethischer Fragen und die Fähigkeit, sie kritisch ‚zu Ende zu denken', sind schon längst als wichtiger Bestandteil der human- und veterinärmedizinischen Arbeit anerkannt. Der Umgang mit einem Patienten erfordert ethische Bildung als Richtlinie für die täglichen Anforderungen, insbesondere in kritischen Situationen. Die schnelle Entwicklung immer neuer technischer Möglichkeiten bringt ständig neue und oft schwierige Fragen mit sich, zu deren Beantwortung ethische Bildung notwendig ist. Nun ist es jedoch offensichtlich, dass diese Fähigkeiten unter den Akademikern, Juristen und Beamten, die in ethischen Fragen Entscheidungsgewalt haben, aber auch in der Öffentlichkeit, gegenwärtig nicht ausreichend vorhanden sind, um diesen Fragen gerecht zu werden. Zu oft wird als selbstverständlich hingenommen, dass die Wissenschaft - wie auch viele andere Bereiche - in einem ethischen Vakuum existieren kann; eine Illusion, dessen allzu reale Folgen in den ethischen Missständen um uns herum sichtbar sind. Stattdessen muss die ethische Diskussion bei jeder politischen und akademischen Entscheidung ein wesentliches Element sein, anstatt politischen Linien oder Kursen je nach Bedarf hinzugefügt zu werden oder als separate, von der politischen Wirklichkeit isolierte Diskussion ignoriert zu werden.
Ernst gemeinte ethische Diskussionen werden viel wahrscheinlicher von kritisch denkenden Studenten und Dozenten angestoßen, erst recht von jenen, die tierverbrauchsfreie Lehrmethoden eingeführt haben, während sie meist dort vermieden wird, wo Tieren zu Unterrichtszwecken Leid zugefügt wird.
Dieses "Vermeiden" lässt darauf schließen, dass das Bestehen eines ethischen Problems verleugnet wird, und zeigt den Mangel an kritischem Urteilsvermögen gegenüber dem Problem des Tiergebrauchs und den tierverbrauchsfreien Methoden. Um ethische Bildung wirklich zu fördern, müssen Lehrende und Lernende fähig sein, ihre eigene Geisteshaltung und ihre Überzeugungen neu in Frage zu stellen. Wenn sie dazu nicht bereit sind, wird das Prinzip der Wissenschaft selbst verletzt. Dass Diskussionen über die Ethik von Tiergebrauch und tierverbrauchsfreie Biowissenschaften praktisch überall vermieden werden, ist an sich schon eine Lektion in Ethik, wie sie de facto besteht: Ethische Bedenken interessieren nicht. Der "Lehrplan", der dahinter steht, drückt aus, dass Leben billig ist und Tiere als Wegwerf-Gegenstände benutzt werden können.
Währenddessen zeigen sich zahlreiche Vorteile, wenn diesen ethischen Fragen nachgegangen wird. Dozenten können ihre emotionale und intellektuelle Courage zeigen, indem sie sich schwierigen Fragen stellen; der offene und verantwortliche Umgang mit ethischen Fragen ist einer bloßen Vermeidung erwiesenermaßen vorzuziehen; und schließlich können Wege konstruktiver Konfliktlösung und die Machbarkeit von Win-Win-Lösungen aufgezeigt werden, umso mehr, wenn die Studierenden bei der Entscheidungsfindung in ethischen Fragen der Unterrichtspraxis als gleichwertiger Partner ernstgenommen werden.
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