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Bewertung von tierverbrauchsfreien Lehrmethoden |
Jonathan Balcombe
Physicians Committee for Responsible Medicine (PCRM), USA
Einführung
Beim Einsatz von ‚Labortieren' im biowissenschaftlichen Unterricht fallen verschiedene Kosten an. Dazu gehören die Ausgaben für den Erwerb und/oder Unterhalt der Tiere, die Zeit, die für die Vorbereitung und Ausführung von tierverbrauchendem Laborunterricht erforderlich ist, die ethischen Kosten zu Lasten der Tiere sowie die gesellschaftlichen/ethischen Kosten zu Lasten der Studierenden, von denen die Mehrzahl den Tieren kein Leid zufügen möchte. Diese Kosten haben die Entwicklung tiermissbrauchsfreier Lehrmethoden in den Biowissenschaften stark vorangetrieben, und das Tempo dieser Entwicklung hat sich in den letzten drei Jahrzehnten - begleitet von den Fortschritten in der Computertechnologie und den moralischen Bedenken gegenüber Tieren - deutlich erhöht.
In dem Maße, wie sich so genannte "Alternativen" zu herkömmlichem Tierversuchsunterricht verbreiteten, nahmen auch die Untersuchungen zu, die deren Nützlichkeit als Lehrmethoden bewerten sollten. Bis heute wurde in über dreißig veröffentlichten Studien und Studienarbeiten die Leistung dieser neueren Lehrmethoden bewertet. In diesem Kapitel werden die Ergebnisse dieser Studien zusammengefasst. Da die Qualität des Untersuchungskonzepts sich unmittelbar auf die Exaktheit der Studienergebnisse auswirkt, sollen außerdem die Untersuchungsfaktoren sowie Beispiele für gute Untersuchungskonzepte zur Bewertung tierverbrauchsfreier Lehrmethoden im Bildungswesen vorgestellt werden, um denjenigen eine Hilfe zu bieten, die eigene Untersuchungen planen. Schließlich soll kurz der Wert individueller Erfahrungsberichte für die Bewertung tierverbrauchsfreier Lehrmethoden angesprochen werden.
Bewertung von Lehrmethoden versus Validierung von Alternativen zu Tierversuchen
Dieses Kapitel befasst sich mit der Bewertung von Lehrmethoden und nicht einzelner Studierendenleistungen. Dennoch sind diese zwei Bewertungsebenen natürlich eng miteinander verknüpft, da die Leistung der Studierenden in der Regel das Kriterium ist, anhand dessen die Lehrmethode bewertet wird. Vor allem ist jedoch zu unterscheiden zwischen der Bewertung von tierverbrauchsfreien Lehrmethoden im Bildungswesen einerseits, und der Validierung von Alternativen zu Tierversuchen bzw. Unschädlichkeitsprüfungen von Medikamenten, Industriechemikalien und anderen Produkten hinsichtlich ihrer Gesundheitsrisiken für den Menschen andererseits. Es gibt zwar Parallelen, aber auch ganz grundsätzliche Unterschiede. In allen Fällen einer Validierung von Tierversuchsalternativen gilt die herkömmliche, tierverbrauchende Methode von vornherein als Standard, an dem die tiermissbrauchsfreie Methode gemessen wird. Dieser de facto "goldene Standard" bei Tierversuchen ist jedoch etwas Künstliches, weil die Übertragung der Ergebnisse von Tieren auf Menschen unzuverlässig ist. Diese Unzulänglichkeit wird noch durch die Tatsache verstärkt, dass auch die Tierversuche an sich äußerst unzuverlässig sind: So haben unterschiedliche Labors grundverschiedene Ergebnisse berichtet, obwohl sie die gleichen Tierversuchsprotokolle durchgeführt haben (z.B. Zbinden und Flury-Roversy 1981).
Im Fall des Bildungswesens gibt es hingegen einen echten "goldenen Standard": Der Lernerfolg der Studierenden bei Verwendung unterschiedlicher Lehrmethoden. Die herkömmliche tierverbrauchende Methode und die moderne tierverbrauchsfreie Methode können ganz direkt verglichen werden, wobei der Mensch selbst der Schiedsrichter ist. Dies liegt daran, dass die Daten, an denen die tiermissbrauchsfreie Methode gemessen wird, aus Tests stammen, die an Studierenden und nicht an Tieren ausgeführt wurden. Es ist also keine fragwürdige Übertragung von Tieren auf Menschen erforderlich. Während Tierversuchsergebnisse also einen großen Schritt vom Menschen entfernt sind, kann die Wirksamkeit von tierverbrauchenden Lehrmethoden im Gegensatz zu tiermissbrauchsfreien Methoden direkt an den gleichen Versuchspersonen verglichen werden. So können tiermissbrauchsfreie Methoden im Bildungswesen für besser als die herkömmlichen Methoden befunden werden, während die Validierung von Alternativen zu Tierversuchen durch die irrige Annahme erschwert ist, dass alternative Verfahren nur so gut wie der Tierversuch sein könnten.
Bisher durchgeführte Studien
Bis heute wurden in über 30 veröffentlichten Studien Lehrmethoden untersucht, die tierverbrauchende Lehrmethoden, wie z.B. Sezierung von Tieren, invasiver Laborunterricht zur Tierphysiologie oder Laborunterricht an Hunden mit deren anschließender Tötung, an medizinischen und veterinärmedizinischen Fakultäten ersetzen oder reduzieren sollen. Bei den untersuchten Lehrmethoden handelt es sich nur um eine kleine Auswahl aus Tausenden von verfügbaren tiermissbrauchsfreien Lehrmethoden. Sie ist jedoch aussagekräftig genug, um Vergleiche und einige allgemeine Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit solcher Methoden anstellen zu können. In diesem Abschnitt sollen die Untersuchungsergebnisse, nach biowissenschaftlichen Fachgebieten sortiert, kurz zusammengefasst werden. Im darauf folgenden Abschnitt werden die in den Studien verwendeten Methoden vorgestellt. Eine ausführlichere Beschreibung der Studienergebnisse ist in Balcombe (2000) enthalten.
Allgemeine Biologie
Ergebnisse aus mehreren Studien mit Studierenden auf Abitur- und Hochschulniveau zeigen, dass Tiersezierung in Hinsicht auf die Aneignung von Grundkenntnissen zur Tierphysiologie nicht besser oder sogar schlechter als andere Lehrmethoden ist. Computerbasierte Laborseminare haben die gleichen (Kinzie et al. 1993, Strauss und Kinzie 1994) oder bedeutend bessere Testergebnisse erzielt (Leonard 1992, More und Ralph 1994). Videos (Fowler und Brosius 1968) und dreidimensionale Modelle (Downie und Meadows 1995) haben ebenfalls einen gleichen oder besseren Lernerfolg im Vergleich zu Tiersezierungen erzielt. Lieb (1985) und McCollum (1987) haben überdies festgestellt, dass Vorlesungen allein gleiche (Lieb) und bessere (McCollum) Lernergebnisse erzielten als Seminare, in denen Regenwürmer und Frösche seziert wurden.
Insgesamt wurde in den acht genannten Studien der Lernerfolg von 4.149 Studierenden aus den USA und Großbritannien geschildert, die eine Vielzahl von Wirbeltieren und wirbellosen Organismen (z.B. Ratten, Frösche, Fische, Regenwürmer, Flusskrebse) studierten. Lediglich eine Studie (Matthews 1998) an 20 amerikanischen Hochschulstudenten ergab bedeutend bessere Testergebnisse bei der Sezierung als bei anderen Lehrmethoden (Computerprogramm). Jedoch wurden die von Matthews verwendeten Methoden mehrfach kritisiert (siehe weiter unten).
Physiologie und Pharmakologie
Physiologie und Pharmakologie sind Bereiche, in denen invasive Laborpraktiken mit lebenden Tieren besonders stark gebräuchlich sind. Auch hier wurden mehrere Studien veröffentlicht, und die Ergebnisse befürworten auch hier nicht die gewöhnlich vorgebrachte Behauptung, dass Laborpraktiken an Tieren besser seien als andere Lehrmethoden, die keine Tiere missbrauchen. Letztere schnitten in Physiologie- und Pharmakologiekursen, an denen Studierende der Humanmedizin (Samsel et al. 1994), der Veterinärmedizin (Fawver et al 1990), der Krankenpflege (Phelps et al. 1992), der Pharmakologie im Hauptstudium (Henman und Leach 1983) und der Physiologie im Grundstudium (Dewhurst u. Meehan 1993, Dewhurst et al. 1994) teilnahmen, genauso gut oder besser ab. Mit Ausnahme von Henman und Leach (1983), die die Nutzung eines Bio-Videografen mit dem Laborunterricht an Tierorganen verglichen, wurden in allen Studien Computer-basierte Lehrmodule mit herkömmlichem Laborunterricht an lebenden Tieren verglichen. Insgesamt nahmen an den Studien mindestens 300 amerikanische und britische Studierende im Grundstudium teil.
Medizin und verwandte Fachgebiete
In fünf weiteren Studien mit Studierenden der Medizin und verwandten Fachgebieten werden die Ergebnisse der o.g. Studien bestätigt. In den USA stellten Guy und Frisby (1992) bei 473 Studierenden aus den Einführungskursen für Krankenpflege und Medizin, die entweder mit interaktiven Video-CDs oder im Laborunterricht mit Kadavern unterrichtet wurden, einen gleichwertigen Lernerfolg fest. Prentice et al. (1977), die den Lernerfolg von 16 angehenden Assistenzärzten untersuchten, kamen zu dem Ergebnis, dass die Nutzung beschrifteter Dias, die in der Reihenfolge einer anatomischen Sezierung gezeigt werden, eine gleichwertige Alternative zur Sezierung einer menschlichen Leiche darstellt. Einhundert Medizinstudenten im ersten Semester erzielten den gleichen Lernerfolg unter Verwendung von Filmen, Computeranwendungen und bereits sezierten und konservierten menschlichen Leichen wie diejenigen, die anhand von herkömmlicher Leichensezierung unterrichtet wurden (Jones et al. 1978). Und Lilienfield und Broering (1994) berichteten, dass im Herz- und Gefäßteil des Abschlussexamens 252 Medizinstudenten der höheren Fachsemester, die mit Computersimulation arbeiteten, bedeutend bessere Noten erlangten als ihre Kommilitonen. In Großbritannien bewerteten Leathard und Dewhurst (1995) die Leistung von 105 Medizinstudenten im vorklinischen Studium und fanden keine bedeutenden Unterschiede zwischen den Studierenden, die im herkömmlichen Laborunterricht lebende Tiere benutzten (d.h. in dem Ratten getötet und Segmente ihrer Eingeweide isoliert wurden), und denen, die eine Computersimulation der Darmmotilität benutzten.
Verschiedene weitere Studien, die nicht direkt den Lernerfolg der Studierenden bewerteten, ergaben, dass Studierende Alternativen zum herkömmlichen Laborunterricht mit Tierverbrauch bevorzugen und dass auch die Zeit- und Kostenersparnisse für tierverbrauchsfreie Lehrmethoden sprechen. Dewhurst und Jenkinson (1995) analysierten einen 40 Fragen umfassenden Fragebogen, der von 50 Instituten weltweit ausgefüllt wurde, in denen mindestens drei von 16 verfügbaren Computer-Paketen verwendet wurden. Aus den Antworten wurde ersichtlich, dass die Computer-Pakete den Dozenten Zeit und Geld sparten, eine effektive und angenehme Art des Lernens für die Studierenden darstellten und den Tiermissbrauch bedeutend reduzierten (ebd.). In einer Studie mit 110 Medizinstudenten aus den USA, die sowohl Computer- als auch Tierveranschaulichungen (Hund) verwendeten, bewerteten die Studierenden die Erstere als besser geeignet zum Erlernen der Herz- und Gefäßphysiologie (Samsel et al. 1994).
Eine relativ neue Anwendung der Computertechnologie in der Medizin liegt in der Aneignung und kontinuierlichen Übung von chirurgischen Verfahren und Fertigkeiten. Für die Einübung von intravenösen, endoskopischen, endovaskulären und anderen Verfahren wurden Virtual-Reality-Übungsmodule entwickelt. Herkömmliche Übungsmethoden für einige dieser Verfahren (endoskopisch und endovaskulär) beinhalten die Übung an menschlichen Patienten in einer klinischen Umgebung und ersatzweise die Verwendung von Schweinen, Hunden und Schafen. Neuere Studien haben gezeigt, dass solche Simulationen nicht nur die Leistung des Arztes bedeutend verbessern können (Rowe und Cohen 2000, Colt et al. 2001), sondern dass sie die herkömmlichen Übungsmethoden hinsichtlich der Aneignung der verfahrenstechnischen Fertigkeiten sogar übertreffen (Ost et al. 2001). Weitere Studien haben bestätigt, dass die Simulatoren genau das messen, wozu sie bestimmt sind (Wong et al. 2001) und die Benutzer je nach ihrer verfahrenstechnischen Erfahrung unterschiedlich bewerten können (z.B. Mehta et al. 2000, Datta et al 2001).
Veterinärmedizin
Tierverbrauchsfreie chirurgische Übungsgegenstände zur Aneignung der notwendigen Fertigkeiten vor dem Einsatz am lebendigen Tier sind in veterinärmedizinischen Fakultäten weitverbreitet im Einsatz. So haben sich z.B. Anatomiemodelle als leistungsstarke Unterrichtsmittel für das Einüben tiermedizinischer Fertigkeiten und Techniken erwiesen. Bei Weichteil-Plastikmodellen von Abdominalorganen des Hundes, die an der Universität von Illinois entwickelt wurden, wurde festgestellt, dass sie hinsichtlich der Handhabung realitätsnahe Beschaffenheitseigenschaften aufweisen und für das Erlernen einer ganzen Reihe häufiger chirurgischer Verfahren nützlich sind (Greenfield et al. 1995). DASIE (Dog Abdominal Surrogate for Instructional Exercises - Hunde-Abdominalmodellfür Unterrichtsübungen), das am Ontario Veterinary College entwickelt wurde, wird an mehreren Fakultäten ebenfalls erfolgreich anstelle von tiermissbrauchenden Methoden im Abdominalchirurgie-Unterricht eingesetzt (Holmberg et al. 1993, Holmberg und Cockshutt 1994). Mit festeren Kunststoffen wiederum wurden Knochenmodelle hergestellt, anhand derer viele Aspekte von auf Knochen bezogenen chirurgischen Verfahren effektiv veranschaulicht und unterrichtet werden (DeYoung und Richardson 1987; Johnson und Farmer 1989; Johnson et al. 1990). Bauer (1993) berichtet, dass laut einer Umfrage unter den 31 veterinärmedizinischen Fakultäten in den USA und Kanada, von denen 27 Fakultäten geantwortet haben, zum Unterrichten der Reparatur von Knochenbrüchen in 8 Fakultäten (30 Prozent) Kunststoffknochen eingesetzt werden.
Mehrere andere veröffentlichte Studien im Bereich der Veterinärmedizin fallen zugunsten der tierfreundlichen anstelle der herkömmlichen tierverbrauchenden Lehrmethoden aus. In ihrer Studie an 82 Veterinärmedizinstudenten in den USA haben Erickson und Clegg (1993) festgestellt, dass die Studierenden aus vierzehn verschiedenen Lehrmethoden des kardiologischen Grundunterrichts und der elektrokardiografischen Auswertung das computergestützte aktive Lernen am höchsten bewerteten. Carpenter et al. (1991) berichteten keine bedeutenden Unterschiede bei den chirurgischen Leistungen zweier Gruppen von Studierenden im dritten Studienjahr, von denen eine Gruppe an lebenden Tieren und die andere an Tierkadavern geübt hatte. (Leider gaben die Autoren die Herkunft der Kadaver nicht an. Jedoch können Kadaver mit ethisch vertretbaren Todesursachen erworben werden, z.B. Haustiere, die aus medizinischen Gründen eingeschläfert werden mussten.) White et al. (1992) berichteten über sieben Veterinärmedizinstudenten im 4. Studienjahr einer alternativen (tierfreundlichen) Leistungsgruppe. Bei ihrer ersten Operation am Gewebe von lebenden Tieren waren die Studierenden zwar zunächst etwas zögerlich, danach erzielten sie jedoch die gleichen Leistungen wie Studierende mit herkömmlicher Laborerfahrung.
In einer Studie von Pavletic et al. (1994) wurden die chirurgischen Fertigkeiten von 12 Absolventen der Veterinärmedizinklasse von 1990 an der Tufts University, die an einem tierverbrauchsfreien Kurs zu medizinischen und chirurgischen Verfahren bei Kleintieren teilnahmen, mit denen ihrer 36 Kommilitonen verglichen. Die chirurgische Kompetenz der Absolventen wurde direkt nach ihrer Anstellung und erneut nach 12 Monaten von ihren Arbeitgebern bewertet. Zu den Bewertungskriterien gehörten das Ausführen allgemeiner chirurgischer, medizinischer und Diagnoseverfahren, die Einstellung gegenüber der Durchführung orthopädischer oder Weichteil-Operationen, Zuversichtlichkeit bei der Durchführung der Verfahren sowie die Fähigkeit, Verfahren ohne Hilfe auszuführen. Dabei wurden zu keinem Zeitpunkt bedeutende Unterschiede festgestellt. Diese Studie ist daher besonders beachtenswert, da sie den Lernerfolg zu einem Zeitpunkt bewertet, zu dem das Ergebnis am wichtigsten ist: in der Praxis.
Die oben genannten Veterinärmedizinstudien untersuchten insgesamt 290 Studierende in allen Stufen der Ausbildung einschließlich der praktischen Leistung der Absolventen nach einjähriger Arbeitserfahrung. Insgesamt sprechen diese Studien sehr deutlich für den Ersatz des herkömmlichen Laborunterrichts, in denen gesunde Tiere getötet werden. Die in der Studie von White et al. (1992) erwähnte anfängliche Zögerlichkeit der Studierenden aus der ‚alternativen Leistungsgruppe' bei der Operation an lebenden Tieren ist von kurzer Dauer und hat keinen anhaltenden Einfluss auf die chirurgische Leistung, wie aus dieser Studie selbst und aus der Studie von Pavletic et al. (1994) deutlich wird. Die Tatsache, dass sich die ‚alternativen', tiermissbrauchsfreien Lehrmethoden im veterinärmedizinischen Unterricht als sinnvoll und effektiv erwiesen haben, sowie die wachsende Unzufriedenheit der Studierenden mit den herkömmlichen Lehrmethoden, fördert in Nordamerika progressive Veränderungen an den veterinärmedizinischen Fakultäten (Patronek 1998, Bauer et al. 1992a, b). Über die Hälfte dieser 31 Fakultäten haben seither tierverbrauchsfreien Unterricht eingeführt; zuletzt die Western University of the Health Sciences, deren Veterinärprogramm im Jahr 2003 eröffnet werden soll, und die sogar einen vollständig tierverbrauchsfreien Studienplan anstrebt (Lara Rasmussen, DVM, persönliches Gespräch, 28. November 1999).
Zwei tiermissbrauchsfreie Lehrmethoden, die oft nicht beachtet werden, sind die Verwendung von Tierkadavern mit natürlicher oder ethisch vertretbarer Todesursache sowie die klinische bzw. therapeutische Behandlung von Tieren im Rahmen des Unterrichts. Diese Ansätze sind besonders für die veterinärmedizinische Ausbildung von Bedeutung, da hier ein direkter Kontakt mit Tieren unerlässlich ist. Es gibt eine beträchtliche Menge an Literatur, in der eine chirurgische Ausbildung an Tierkadavern anstatt an lebenden Tieren befürwortet wird.
Bauer et al (1992b) haben beispielsweise erkannt, dass Studierende, die im Unterricht Tierkadaver zur Verfügung hatten, mehr Selbstvertrauen beim Operieren hatten und eine positivere Einstellung zu ihrer Arbeit entwickelten und aufrecht erhielten. Laut einer neueren Umfrage (anonym 2000) bieten inzwischen 16 der 31 veterinärmedizinischen Fakultäten in Nordamerika als Teil ihres tiermissbrauchsfreien Studienprogramms Chirurgieunterricht an Kadavern an, und 12 von diesen nehmen zur Beschaffung von Tierkadavern mit ethisch vertretbarer Todesursache an Tierspendenprogrammen teil. Basierend auf ihren Erfahrungen an der Tufts University diskutieren Kumar et al. (2001) eine Reihe von Vorteilen bei der Verwendung von Tierspendenprogrammen für die veterinärmedizinische Ausbildung.
Obwohl die meisten veterinärmedizischen Fakultäten bei der Chirurgieausbildung mittlerweile in Zusammenarbeit mit örtlichen Tierheimen an Sterilisations- und Kastrationsprogrammen teilnehmen, gibt es kaum Studien, die diese Alternative gegenüber der Benutzung eigens dafür gezüchteter Tiere hinsichtlich ihrer Effizienz bewerten. Hart et al. (1993) berichteten über die erfolgreiche Nutzung von Tierheimen für beaufsichtigte Sterilisationen und Kastrationen und die daraufhin angestiegene Zahl an Tiervermittlungen. Dass Studierende in ihrer Ausbildung dabei helfen, Leben zu retten, ist eine starke Motivation zum Lernen und ist sicherlich auch eine angenehmere Lernumgebung für zukünftige Tierärzte und -ärztinnen als eine Umgebung, in der gesunde Tiere getötet werden.
Untersuchungskonzept
Mit wenigen Ausnahmen folgten alle o.g. Forschungsbeiträge einem ähnlichen grundlegenden Untersuchungskonzept: Die Studierenden wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe lernt anhand herkömmlicher tierverbrauchender Methoden, die andere nutzt modernere bzw. tiermissbrauchsfreie Methoden. Nach dem entsprechenden Unterrichtszeitraum wird jede Gruppe anhand eines standardisierten Tests bewertet, mit dem ein Vergleich zwischen den zwei Gruppen möglich ist. Fowler und Brosius (1968) waren die Ersten, die auf diese Weise Lehrmethoden bewerteten, die die Sezierung von Tieren im Biologieunterricht ersetzen sollten. Sie verwendeten eine Reihe von standardisierten Tests zur Bewertung von 156 Gymnasialschülern, vor und nach derem Studium vierer Tierarten (Regenwurm, Flusskrebs, Frosch und Flussbarsch) anhand von Filmen oder durch Sezierung. Die zwei Methoden ergaben keine Unterschiede in Bezug auf das Lösen der Aufgaben, die Entwicklung von Verständis für wissenschaftliche Methoden und Ziele, die Verbesserung der Einstellung der Schüler gegenüber der Wissenschaft oder die Verbesserung ihrer praktischen Fertigkeiten. Überdies erwies sich die Arbeit mit Filmen gegenüber der Sezierung als effektiver für das Erlernen der sachlichen Informationen zu den einzelnen Spezimen (ebd.).
Innerhalb dieses grundlegenden Untersuchungskonzepts sind mehrere Verfeinerungen möglich. So kann z.B. durch Tests vor Beginn der Untersuchung bestätigt werden, dass die zwei Versuchsgruppen sich anfangs auf einem vergleichbaren Niveau befinden. Eine größere Anzahl an Studienteilnehmern trägt zu einer größeren Einheitlichkeit zwischen den Versuchsgruppen bei und reduziert somit die Möglichkeit von Abweichungen, die auf eine größere Erfahrung, Selbstsicherheit oder Begabung einer der beiden Gruppen zurückzuführen ist. Eine ganze Reihe von Abschlusstests bietet eine genauere Bewertung der zwei Lehrmethoden als nur ein einzelner Test. Mit verzögerten Abschlusstests kann auch die Leistungsfähigkeit der Lehrmethoden in Hinsicht auf das langfristige Beibehalten des Lernstoffs bewertet werden.
Zwei Beispiele für leistungsstarke Untersuchungsmethoden liefern die Studien von Kinzie et al. (1993) und Greenfield et al. (1995). Kinzie et al. (1993) untersuchten Leistung, Erfolg und Auswirkungen auf die Einstellung von Schülern durch interaktive auf Video-CDs gestützte Simulation (IVD), die einerseits als Ersatz sowie andererseits als Vorbereitung auf die Sezierung von Fröschen eingesetzt wurde. An der Studie nahmen 61 Gymnasialschüler im Biologieunterricht über einen Zeitraum von vier Tagen teil. Alle Schüler wurden vom gleichen Lehrer und an der gleichen Schule unterrichtet. Somit wurden Abweichungen minimiert, die durch unterschiedliche Unterrichtsumgebungen auftreten können. In dieser Studie wurden die Schüler willkürlich in vier Gruppen eingeteilt: 1) 16 Schüler, die IVD-Simulation als Vorbereitung auf die Sezierung von Fröschen verwendeten; 2) 15 Schüler, die ein lineares (d.h. nicht interaktives) Video mit dem gleichen Inhalt wie die IVD-Simulation verwendeten; 3) 15 Schüler, die die Sezierung an Fröschen ohne Vorbereitung durchführten und 4) 15 Schüler, die die IVD-Simulation verwendeten, jedoch keine Sezierung ausführten. Eine Analyse der bis zu diesem Zeitpunkt im Halbjahr erhaltenen Zensuren der Schüler deutete darauf hin, dass vor den Tests keine bedeutenden Unterschiede zwischen den Gruppen bestanden.
Die Schüler wussten, dass sie an einer Studie teilnahmen, jedoch ohne das Ziel dieser Studie zu kennen. Außerdem wurde ihnen gesagt, dass ihre Leistung im Abschlusstest zu ihrer endgültigen Zensur beiträgt und sie sich daher anstrengen sollten. Zusätzlich zur Analyse ihrer Kurszensuren legten die Schüler einen vorbereitenden Test ab, der keine bedeutenden Unterschiede in der Leistung, Einstellung und im Selbstvertrauen zwischen den vier Gruppen ergab. Alle Gruppen wurden über vergleichbare Zeiträume mit ihrem jeweiligen Lehrmaterial unterrichtet. Alle Sezierungen (von Gruppe 1, 2 und 3) wurden am gleichen Tag ausgeführt. Dabei beobachteten und bewerteten vier ausgebildete wissenschaftliche Assistenten die Leistung in jeder Gruppe. (Die Bewertungen wurden verglichen und das Ergebnis stimmte zwischen allen Beobachtern überein.) Schließlich absolvierten alle Schüler einen Abschlusstest, in dem Leistung, Einstellung und Selbstvertrauen bewertet wurden. Der Abschlusstest zur Leistung bestand aus verschiedenen Teilen: Drei zu beschriftende Diagramme, vier sezierte Frösche mit zu beschriftenden Nadeln, und neun Auswahlfragen. Der Abschlusstest zur Einstellung, der zunächst von zwölf Hochschullehrern der Naturwissenschaften und Erziehungswissenschaftlern rezensiert, kritisiert und überarbeitet wurde, enthielt 20 Punkte, von denen die eine Hälfte positiv und die andere Hälfte negativ ausgedrückt waren. Der Abschlusstest zum Selbstvertrauen enthielt 25 Aussagen, mit denen die Zuversicht der Befragten hinsichtlich der Ausführung von Sezierungen und ihrem anatomischen Wissen ermittelt werden sollte. Die Schüler mussten hierzu angeben, inwieweit sie sich mit den Aussagen einverstanden erklärten. Alle drei Abschlusstests wurden außerdem auf Konsistenz geprüft. Als Letztes wurden vier Fragen gestellt, anhand derer die Schüler angeben sollten, mit welchen der in dieser Studie verwendeten Methoden sie lieber arbeiteten. (Die Schüler, die die Simulation als Vorbereitung verwendeten, schnitten besser ab als die Schüler, die nicht auf die Sezierung vorbereitet wurden: Sie führten die anschließende Sezierung viel besser aus und lernten auch mehr über die Anatomie von Fröschen und die Verfahren bei der Sezierung. Die Autoren schlossen aus dem Ergebnis recht zurückhaltend, dass die interaktive Video-CD im Erlernen der Anatomie von Fröschen und der Verfahren bei der Sezierung mindestens genauso wirksam war wie die eigentliche Sezierung.)
Greenfield et al. (1995) verglichen die Aneignung von chirurgischen Fertigkeiten, indem sie 36 Veterinärmedizinstudenten des 3. Studienjahres willkürlich in zwei Versuchsgruppen aufteilten: Die eine Gruppe übte an Weichteil-Plastikmodellen, während die andere Gruppe an betäubten Hunden übte, die am Ende jedes Durchgangs eingeschläfert wurden. Jede Gruppe hatte zwei Praxisstunden mit der jeweiligen Lehrmethode, wobei simuliert wurde, dass die Studierenden bei ihren Übungen gefilmt werden, um die Studierenden an die Kamera zu gewöhnen. In zwei weiteren Durchgängen wurde dann die chirurgische Kompetenz der Studierenden bewertet, indem in beiden Gruppen Hunde oder Katzen aus einem örtlichen Tierheim kastriert wurden. (Die Tiere wurden danach für eine mögliche Vermittlung an das Tierheim zurückgegeben.) Diese Operationen wurden von Mitgliedern der Fakultät beaufsichtigt, die außerdem beurteilten, ob die kognitiven Fähigkeiten und Ausführung der Operation akzeptabel waren. Die Fakultätsmitglieder wussten nicht, mit welcher Methode die Studierenden geübt hatten. Alle Kastrationsoperationen wurden gefilmt, auf Klarheit hin editiert und in einer willkürlichen Reihenfolge angeordnet. Anschließend wurden sie von 8 Chirurgen aus 4 veterinärmedizinischen Fakultäten beurteilt. Den Bewertern wurde zwar gesagt, ob die Leistung des Studierenden als akzeptabel eingestuft wurde, ihnen wurde jedoch vorenthalten, mit welcher Methode die Studierenden geübt hatten. Ferner wurden sie angewiesen, ihren persönlichen chirurgischen Ansatz bei der Bewertung außer Acht zu lassen.
Die Studierenden wurden dann ein Jahr später während der im 4. Studienjahr durchgeführten Operationsfolge an Kleintieren erneut bewertet, um festzustellen, ob es Unterschiede in den Leistungen der zwei Versuchsgruppen gab. Um sicherzustellen, dass die zwei Versuchsgruppen zu Beginn vergleichbar waren, wurde die allgemeine akademische Leistung zu Beginn der Studie bewertet. Dazu wurden die Durchschnittszensuren aller Studierenden in dieser Untersuchung sowie die Durchschnittszensuren zwischen den beiden Gruppen verglichen. In allen Vergleichen ließen sich keine bedeutenden Unterschiede feststellen.
Smeak et al. (1994) verwendeten ein ähnliches Untersuchungskonzept, um die Leistung von vierzig Veterinärmedizinstudenten bei der chirurgischen Schließung von Hohlorganen (Magen) zu bewerten. Diese Studie beinhaltete auch einen innovativen Test, in dem die Organe unter Wasser gehalten und bei zunehmendem Druck mit Luft gefüllt wurden, sodass ein Entweichen der Luft zur Messung der Wirksamkeit der chirurgischen Schließung diente. (Leider stellte sich heraus, dass das künstliche Organ für diesen Test nicht geeignet war.) Ein von Samsel et al. (1994) verwendeter, auf Qualität bezogener Ansatz umfasste lediglich eine Versuchsgruppe. Studierende erhielten sowohl Computer- als auch Tierveranschaulichungen und wurden gebeten, jede auf ihren pädagogischen Wert hin zu bewerten. Die Computerveranschaulichung schnitt dabei besser ab.
Der Ansatz von Dewhurst und Jenkinson (1995), in denen Fragebögen an Nutzer von tiermissbrauchsfreien Methoden geschickt wurden, bietet eine weniger strenge Bewertung der einzelnen Lehrmethoden als der direkte Vergleich von Kinzie et al. (1993) und Greenfield et al. (1995). Sein Vorteil liegt jedoch in der Breite und Vielfältigkeit der Studienteilnehmer (50 Institutionen in 14 Ländern aus aller Welt). Dabei ist zu beachten, dass Dewhurst und seine Kollegen eine ganze Reihe an Methoden eingesetzt haben, um ihre Unterrichtsmittel zu bewerten. Ihre Arbeit hat einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung und Gültigkeit von Alternativen zu tierverbrauchenden Lehrmethoden geleistet.
Die einzige bisher veröffentlichte Studie, die den mit herkömmlichen tierverbrauchenden Methoden unterrichteten Studierenden eine bedeutend bessere Leistung bescheinigte als den Studierenden mit tierverbrauchsfreiem Unterricht, wurde von Matthews (1998) berichtet. In der Kontrollgruppe befanden sich 8 Studierende vor dem ersten akademischen Grad, die zwölf Stunden (vier Seminare von je 3 Stunden) damit zubrachten, Föten von Schweinen zu sezieren. Der Umfang des Themas war sehr groß: Die Studierenden sollten den Ort und die Funktion von 140 anatomischen Strukturen lernen. Die Versuchsgruppe studierte die Anatomie von Schweineföten anhand von MacPig, einem von Intellimation erstellten Computerprogramm (dass seit ca. 1996 nicht mehr existiert). Nach dem Unterricht erhielten die Studierenden von beiden Gruppen je zwei Tests: Einer mit zwei Fragen aus dem Computerprogramm, der andere eine praktische Prüfung mit 25 Fragen, in der die Studierenden Strukturen aufzeigen und deren Funktion beschreiben sollten. Im Computertest schnitten beide Gruppen gleich ab, jedoch waren die Studierenden, die die Sezierung ausgeführt hatten, bedeutend besser in der mündlichen Prüfung an den sezierten Schweinen.
Mehrere Probleme beim Konzept dieser Studie lassen Zweifel über die Richtigkeit der Schlussfolgerung aufkommen. Diese Probleme rühren daher, dass das Thema im Computerprogramm weniger ausführlich behandelt wurde. Dessen Autor überprüfte MacPig 1994 erneut und hielt es am geeignetsten für Schüler der Mittelstufe an Schulen (Balcombe 1998). In MacPig werden nur 50 bis 75 Strukturen von Schweineföten beschrieben; das ist noch nicht einmal die Hälfte von denen, die Matthews mit den Studierenden in der Sezierungsgruppe behandelte.
Wenn man dies berücksichtigt, kann mit einiger Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die Studierenden der Kontrollgruppe alle Strukturen des MacPig-Tests behandelt hatten; was jedoch umgekehrt für die Studierenden der Versuchsgruppe nicht der Fall war. Ferner ist es unwahrscheinlich, dass der Inhalt von MacPig ausreichend war, um die Studierenden dieser Gruppe ebenfalls zwölf Stunden lang zu unterrichten. Und letztlich nahm Matthews die praktische Prüfung selber vor. Ihr Untersuchungskonzept wäre besser gewesen, wenn die praktische Prüfung "blind" von einer neutralen Lehrkraft abgenommen worden wäre, die sich der unterschiedlichen Lehrmethoden nicht bewusst ist.
Eine ideale Studie würde eine Reihe von Ersatzmethoden umfassen, die an mehreren Instituten mit den herkömmlichen tierverbrauchenden Methoden verglichen werden. Mehrere Instituten in eine einzige Studie einzubeziehen, gäbe wertvolle Informationen zu eventuell auftretenden Unterschieden zwischen den einzelnen Instituten. Eine große Anzahl an Studienteilnehmern minimiert den Einfluss anfänglicher Unterschiede zwischen den einzelnen Teilnehmern (z.B. Begabung, Vorkenntnisse, Erfahrung mit unterschiedlichen Lehrmethoden); dennoch sollten vor Studienbeginn Tests durchgeführt werden, um dies auszuschließen. Wenn mehrere Dozenten eingesetzt werden, wird auch einer möglichen Beeinflussung durch einen bestimmten Dozenten vorgebeugt (z.B. können Studierende die Vorliebe eines Dozenten für eine gewisse Lehrmethode - und wenn sie auch noch so diskret ist - erkennen und darauf reagieren). Blindstudien, bei denen die Studierenden das Ziel der Studie nicht kennen und die Bewerter nicht wissen, welche Lehrmethoden verwendet wurden, reduzieren das Risiko einer Beeinflussung noch weiter. Abschlusstests sollten sowohl kurz nach der Studie als auch zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden, sodass die kurz- und langfristige Beibehaltung des Lernstoffs bewertet werden kann.
Schließlich sollte die Kombination verschiedener tierverbrauchsfreier Methoden unterstützt werden, da sie die Stärken unterschiedlicher Ressourcen in einem einzigen Lehrangebot vereint. Es wäre sehr nützlich, weitere Studien durchzuführen, die speziell Kombinationen tierverbrauchsfreier Methoden im Vergleich zu den tierverbrauchenden Methoden bewerten.
fortfahren
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