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Tierspendenprogramm zur Deckung des Bedarfs im veterinärmedizinischen
Studium: Alternativen zur Tötung gesunder Tiere
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Amarendhra M. Kumar
Institut für Biomedizin, Veterinärmedizinische Fakultät der Tufts University, USA
Anatomische Kenntnisse sind für den praktizierenden Tierarzt von grundlegender Bedeutung. Die Anatomie ist das Fundament der Biologie, ist wesentlich für das Verstehen verschiedener normaler und anomaler Körperfunktionen sowie für klinische Diagnosen. Die Anatomie ist vielleicht die älteste medizinische Wissenschaft. Vor ca. 30.000 Jahren versuchten sich bereits die Steinzeitmenschen in der Abbildung von Tierformen und zeigten damit gewisse Kenntnisse der topografischen Anatomie von Tieren. Die jüngere dokumentierte Geschichte deutet darauf hin, dass die systematische Erforschung der Anatomie mit den griechischen Gelehrten Alkmäon und Empedokles (ca. 500 v.Chr.) ihren Anfang nahm. Diese waren vermutlich die ersten, die einen Menschen sezierten; auch wenn der Großteil ihrer daraus folgenden Lehren anatomisch nicht korrekt war. Erst zur Zeit von Aristoteles (384-322 v.Chr.) führten Mediziner Tiersektionen gründlich genug durch, um auf die Funktion menschlicher Organe schließen zu können. Galen (ca. 129-199 n.Chr.) führte systematische Sezierungen von Affen durch, um die menschliche Anatomie zu erforschen. Er war der erste, der den Unterschied zwischen Venen und Arterien richtig erkannte und eine vernünftige Beschreibung des Gehirns lieferte. Später waren es Leonardo da Vinci (1452-1519) und der Vater der modernen Anatomie, Andreas Vesalius (1514-1564), die die menschliche Anatomie durch systematische Sezierungen dokumentierten. Nach gründlichen Sezierungen und Beobachtungen verschiedener Organe konnte der englische Arzt und Anatom William Harvey (1578-1637) eine anatomische Abhandlung zur Bewegung von Herz und Blut bei Tieren veröffentlichen.
Die großen Fortschritte der Röntgentechnik im 20. Jahrhundert ermöglichten den Wissenschaftlern die Erkenntnis wichtiger Verbindungen zwischen Anatomie und Physiologie, und die Integration der Anatomie in die klinische und die Grundlagenwissenschaft. Die jüngsten Weiterentwicklungen von Scantechniken wie Ultraschalldarstellung, computergestützte Tomographie (CAT), Kernspintomographie (NMR) und Positron-Emissionstomographie (PET) ermöglichen den Ärzten, ohne chirurgische Eingriffe in den Körper zu schauen und die innere Anatomie zu beobachten. In der Geschichte der Anatomie bedeuten diese Tomographie-Techniken große Fortschritte, und mit der raschen Entwicklung der Computertechnik wird die Art und Weise, wie Anatomie den Studierenden gelehrt wird, sich schrittweise von den herkömmlichen Tiersektionen lösen.
Die Lehre der makroskopischen Anatomie ist häufig noch immer mit dem Töten und anschließenden Einbalsamieren von Tieren verbunden. In den meisten asiatischen Ländern sezieren Studierende im ersten Studienjahr meist einen Wiederkäuer und lernen komparative Anatomie des Pferdes und des Hundes anhand eines von der Lehrkraft sezierten Tieres. In vielen Entwicklungsländern werden hauptsächlich streunende Hunde zur Herstellung von Unterrichtspräparaten benutzt. Die meisten Veterinäranatomie-Institute in den USA beziehen Hunde und Katzen aus folgenden Quellen: 1) Nicht abgeholte Tiere aus Tierheimen; 2) eigens gezüchtete Tiere von einem Zuchttierhändler, der vom United States Department of Agriculture (USDA) genehmigt ist; oder 3) einbalsamierte Tiere von Life-Science-Versorgungsunternehmen (die auch Tiere aus Tierheimen beziehen können). Eine vierte Quelle für Hunde sind Windhunde, die als Rennhunde oder Zuchttiere für ihren Besitzer ausgedient haben.
Viele Jahre lang sezierten die Studierenden der Veterinärmedizinischen Fakultät der Tufts University (TUSVM) gespendete Windhunde. Die Nutzung der Windhunde wurde jedoch zunehmend untragbar, erstens weil viele Windhund-Besitzer die ‚aussortierten' Tiere nur ungern für den Anatomieunterricht hergaben, zweitens weil einige Studierende ethische Einwände vorbrachten, und schließlich durch den zunehmenden Abkauf ‚aussortierter' Windhunde durch die Greyhound Rescue League. Da die staatlichen Regelungen in Massachusetts die Verwendung von Heimtieren für Forschung und Lehre untersagen, und dies auch einbalsamierte Tiere von Life-Science-Versorgungsunternehmen einschließt (da diese meist auch Heimtiere waren), blieb nur der Kauf eigens gezüchteter Hunde von USDA-genehmigten Tierhändlern als einzige verbleibende Bezugsquelle.
In mehreren biomedizischen Forschungsinstituten in Boston benutzen die Forscher eigens gezüchtete Hunde. Diese Tiere werden mit einwandfreiem Gesundheitszertifikat geliefert. Ich hatte ernsthafte ethische Bedenken, für Anatomie-Sezierungen gesunde Hunde einzuschläfern. Unsere Motivation, alternative Wege zur Beschaffung von Tieren für unseren Lehrplan zu erkunden, wurde besonders durch eine Studentin der Veterinärmedizin, True Ballas (heute Dr. med. vet.), gefördert. Sie brachte Zeit und Transportmittel auf, um ein Tierspendenprogramm zu initiieren. Das Programm wurde vor nunmehr 6 Jahren eingerichtet, und in der Anfangsphase brachten viele Menschen viel Zeit dafür auf, mit lokalen Tierkliniken und mit unseren Dozenten, die als klinische Ärzte arbeiten, Kontakt aufzunehmen und ihnen die Vorteile eines solchen Programms nahezubringen - vor allem die Möglichkeit, das Leben gesunder Tiere zu verschonen. Im ersten Jahr transportierte Dr. Ballas oft in ihrem eigenen Auto gespendete Tierkadaver aus den Kliniken zur Einbalsamierung auf den Bostoner Campus. Damals war die TUSVM in zwei Universitätsgelände geteilt - North Grafton (Tierkliniken) und Boston (Grundlagenwissenschaft). Diese Situtation stellte eine zusätzliche Herausforderung für uns dar. Mit der Entwicklung des Tierspendenprogramms wurde die Einbalsamierung zentralisiert in den Räumlichkeiten der Pathologie/Nekropsie durchgeführt. Die gespendeten Tierkadaver wurden in den Räumen der Pathologie auf dem Graftoner Campus einbalsamiert und von einer Transportfirma für gefährliche Chemikalien zum Bostoner Campus transportiert. Dies erforderte anfangs einen immensen Koordinations-Aufwand. Doch in Anbetracht dessen, dass die Alternative die Tötung gesunder Tiere wäre, fiel uns die Entscheidung leicht.
Erfahrungsberichte zeigen, dass es vor allem die problematische Beschaffung von Tieren zu Unterrichtszwecken und die von Studierenden geäußerten ethischen Bedenken sind, die an einigen veterinärmedizinischen Fakultäten zu einer Veränderung des Anatomie-Lehrplans und einer Reduzierung der Tiersektionen führen. Zu den verschiedenen Alternativen zur Benutzung eigens gezüchteter Tiere gehört neben einer Reduzierung der Tiersektionen z.B. auch der Einsatz von plastinierten Spezimen oder von Computerprogrammen. Dennoch bevorzugt laut einer von Judy Provo2 durchgeführten Umfrage eine beträchtliche Anzahl von Dozenten der makroskopischen Veterinäranatomie die Tiersezierung, um den Studierenden eine dreidimensionale Ansicht der Körper zu bieten. Auch die Studierenden der TUSVM üben medizinische Prozeduren und klinische Fertigkeiten (einschließlich grundlegender chirurgischer Fertigkeiten) an Tierkadavern, bevor sie mit Tierpatienten arbeiten. Darum war es wichtig, ein Programm zu entwickeln, das den Bedarf für Tiersezierungen und andere Zwecke decken konnte und zugleich den ethischen Bedenken von Studierenden und Fakultätsmitgliedern Rechnung trug.
Der erste Schritt zur Einrichtung eines erfolgreichen Tierspendenprogramms ist es, die Universitätsleitung davon zu überzeugen, dass das Programm eine wichtige Komponente für die Ausbildung der Studierenden darstellt. Ohne die Unterstützung der Universitätsleitung wäre das Programm schwer durchzuführen. Weiterhin ist es von zentraler Wichtigkeit, dass der Lehrstuhl der klinischen Abteilung in den Prozess einbezogen wird. Als nächster Schritt muss sichergestellt werden, dass Mitarbeiter und Lehrkräfte vorhanden sind, die sich voll und ganz für das Programm engagieren. Schließlich werden Richtlinien entwickelt, die sowohl staatliche als auch institutionelle Protokolle (hier des United States Department of Agriculture, USDA, und des Institutional Animal Care and Use Committee, IACUC) zur Verwendung von Tieren im Unterricht berücksichtigen.
Die wichtigsten Richtlinien des TUSVM hinsichtlich von Tierspenden sind:
1. Die für Unterrichtszwecke gespendeten Tiere müssen einem regulären TUSVM-Tierhalter gehören. Dadurch werden hohe ethische Standards gewährleistet. Wenn ein Tier eingeschläfert wird, dann nur aufgrund eines unheilbaren Zustands des Tieres im Endstadium. Der klinische Bericht zu jedem gespendeten Tier ist problemlos von der Klinik erhältlich.
2. Die Entscheidung zur Einschläferung des Tieres wird nach üblichem Verfahren gefällt, indem sowohl der Tierhalter als auch der behandelnde Tierarzt zustimmen. Der behandelnde Tierarzt stellt dem Tierhalter eine Informationsbroschüre zur humanen Einschläferung zur Verfügung, in der das Thema auf sensible Weise behandelt und die Möglichkeiten der Kadaverentsorgung vorgestellt werden. Wenn der Tierhalter eine informierte Entscheidung für die Einschläferung trifft, wird seine Wahl zwischen einer Unterstützung des Tierspendenprogramms, einer Einäscherung, einer Nekropsie oder der Rückgabe des Tierkadavers durch eine Besprechung mit dem behandelnden Tierarzt unterstützt. Im Falle einer Spende werden dem Tierhalter die Gebühren für die Einschläferung erlassen, jedoch ohne dies vor der Entscheidung des Tierhalters zu erwähnen, damit die Entscheidung nicht durch den finanziellen Aspekt beeinflusst wird.
3. In der Informationsbroschüre zur Einschläferung wird das Tierspendenprogramm wie folgt erklärt: "Die Spende Ihres Haustieres an die veterinärmedizinische Fakultät kann eine Möglichkeit sein, Ihr Tier im Geiste weiterleben zu lassen, indem es zur Ausbildung zukünftiger Tierärzte beiträgt, die später anderen Tieren helfen können. Zudem trägt Ihre Teilnahmebereitschaft an dem Programm dazu bei, dass der Bedarf an Tieren für Ausbildungszwecke auf humane Weise gedeckt werden kann. Tierkadaver sind für den Unterricht in Tieranatomie und die Übung wichtiger Fertigkeiten für die Studierenden der Veterinärmedizin von unschätzbarem Wert, damit ihre Ausbildung als kompetente Tierärzte gewährleistet wird."
4. Der Tierhalter unterschreibt sein Einverständnis mit der Einschläferung und kennzeichnet seine Wahl für die Kadaverentsorgung auf dem Formular. Auch der behandelnde Tierarzt unterschreibt das Formular. Kopien der unterzeichneten Formulare gehen an folgende Archive: Das Archiv der Patientenakten, der Division of Laboratory Animal Medicine, das Buchhaltungsarchiv und das Archiv des Technikverantwortlichen. Eine einwandfreie Dokumentation ist notwendig, um die staatlichen Regelungen einzuhalten und möglichen rechtlichen Zweifeln vorzubeugen.
5. Der Technikverantwortliche entscheidet je nach Zustand des Tieres und Bedarf der verschiedenen Laborseminare der Fakultät, wo der Tierkadaver eingesetzt werden soll. In den folgenden veterinärmedizinischen Laborseminaren werden Tierkadaver eingesetzt: Laborunterricht zur makroskopischen Anatomie, zu klinischen Fertigkeiten, zu medizinischen Prozeduren, im ersten Chirurgieunterricht und in den Anatomie-Wahlfächern im letzten Studienjahr. Auch wenn Größe oder Zustand des jeweiligen Kadavers nicht immer für alle Laborseminare geeignet sind, wird keine Spende abgelehnt. Das Anatomie-Programm nutzt Hunde und Katzen aller Größen.
6. Die Tiere für den makroskopischen Anatomieunterricht werden einbalsamiert. Zu diesem Zweck werden dem Tier vor der einschläfernden Injektion 100.000 IE Heparin iv verabreicht. Heparin verhindert die Blutgerinnung, was für das Gelingen der Einbalsamierung wesentlich ist. Die Einbalsamierung erfolgt wenn möglich innerhalb von 24 Stunden, wobei die Kadaver bei einer Lagerung bei 4 °C auch zum nächstmögichen Termin 3-4 Tage nach dem Tod einbalsamiert werden können. Wir haben schon Tierkadaver erst 4-5 Tage nach der Einschläferung erfolgreich einbalsamiert und zu Lehrzwecken eingesetzt.
7. Wenn ein Tierkadaver im Anatomieunterricht eingesetzt werden soll, wird das Sekretariat des Anatomie-Instituts sofort informiert und eine Kopie des unterzeichneten Spendenformulars, mit einer Nummer versehen, in das Instituts-Sekretariat gefaxt. Das Sekretariat kontaktiert so bald wie möglich den Dozenten für makroskopische Anatomie. Der Kadaver wird verpackt, etikettiert und bis zur Einbalsamierung im Kühlraum aufbewahrt.
8. Tierspenden für andere Laborseminare werden bis zu ihrem Einsatz im Gefrierschrank aufbewahrt. Die einbalsamierten Tiere werden mit nummerierten Ohrmarken versehen. Die zugehörige Dokumentationsdatei zu jedem Tier wird mittels der Nummer auf der Ohrmarke zugeordnet. In der langjährigen Anwendung unserer Präparationsmethoden wurden rund 95 % der Tierspenden korrekt präpariert. In seltenen Fällen ließen sich Organe des Thorax und/oder des Unterleibes nicht richtig präparieren. Trotzdem konnten die gut präparierten Teile dieser Tiere zu anatomischen Unterrichtszwecken eingesetzt werden. Zwischen Tierkadavern, die innerhalb von 10 Stunden nach Einschläferung einbalsamiert wurden und Kadavern, die 4-5 Tage später einbalsamiert wurden, konnten keine nennenswerten Unterschiede in der Präparierbarkeit festgestellt werden (siehe Einbalsamierungsverfahren am Ende dieses Kapitels).
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